Zwar war
ich bei der Operation dabei, kann mich aber an
nichts mehr erinnern. Das blieb auch die nächsten
2 Tage auf der Intensivstation so. An einem
Samstag wurde ich wieder auf die normale Station
verlegt. Auch weiterhin wurde ich mit
Schmerzmitteln und anderen nötigen Arzneien
versorgt und der Dämmerzustand hielt an. Bis zum
Montagvormittag durfte ich mich nicht alleine
drehen und musste immer das sehr freundliche und
hilfsbereite Pflegepersonal bemühen. Dann sollte
ich einen Rumpfgips bekommen. Dazu wurde ich auf
ein spezielles Gestell gehoben, auf dem man sich
nicht sehr wohl und sicher fühlt, das sich
anscheinend aber bewährt hat. Nun wurden die
nassen Gipsbinden um den Oberkörper gewickelt
und nach ca. 20 Minuten Austrockenzeit wurde ich
wieder in das sichere Bett gelegt und hatte ca. 6-8
kg zugenommen. Nach weiteren 4-6
Stunden Trocknen erschienen 2 Kampfgirls
(Eigenbezeichnung einer KG = Krankengymnastin),
um mich das erstemal nach der Operation auf die
eigenen Füße zu stellen. Schon vorher war ich
gespannt wie es sein würde. Als ich vor dem Bett
stand und der Kreislauf ganz gut mitmachte,
gingen wir den Flur einmal rauf und runter. Die für
mich neue Situation habe ich aber nicht bewusst
wahrgenommen. Viel zu sehr war ich auf meine Füße
konzentriert und darauf, dass der Kreislauf nicht
doch noch Probleme bereitet.
Dann am Abend traten Taubheit und Schmerzen im
rechten Bein auf. Man ging davon aus, dass der
Gips irgendwo drücken würde und so wurde dieser
noch am Abend wieder aufgeschnitten und
abgenommen. Die Beschwerden blieben aber auch am
nächsten Tag und verstärkten sich noch. Am
darauf folgenden Tag wurde erneut eine Mylografie
gemacht. Als dann am Abend das Ergebnis vorlag,
brach für mich die Welt zusammen. Es hatte sich
ein Gerinsel gebildet, welches auf den
Spinalkanal drückte und diese Taubheit und
Schmerzen verursachte. Am nächsten Morgen wurde
ich erneut operiert. Dieser Eingriff dauerte aber
nicht solange wie der erste und so war ich am frühen
Nachmittag auf der Intensivstation völlig wach
und ungeduldig, wann ich wieder auf die normale
Station verlegt würde. Darauf musste ich
allerdings noch bis zum nächsten Vormittag
warten. Am Samstag wurden die Drainagen entfernt
und danach konnte ich das Gipskorsett, das ja
schon am Montag angefertigt worden war, wieder
anlegen lassen. Am Nachmittag machte ich dann mit
meiner Frau zusammen den ersten bewusst
wahrgenommenen Gang über den Flur. Beim
Verlassen des Zimmers stellte ich erstaunt fest,
wie niedrig doch die Türdrücker waren. Die Tür
öffnete sich und ich sah den gegenüberliegenden
Türrahmen, der mir für einen normal gewachsenen
Menschen doch sehr niedrig erschien. Auf dem Weg
zur Terrasse trafen wir Mitpatienten, denen ich
bislang nur mit Mühe beim Gespräch in die Augen
sehen konnte. Jetzt hatte sich auch dieses geändert.
Dieses
Gefühl ist unbeschreiblich. Gegenüber der
Klinik liegt ein kleiner Berg, dessen Kuppe ich
vor der Operation nur sehen konnte, indem ich die
Knie einknickte und mich nach hinten lehnte. Nun
stand ich da und guckte einfach geradeaus und sah
sogar den Himmel über der Bergspitze.
Nach einiger Zeit, als ich sicherer auf den
Beinen war, unternahmen wir den ersten
Spaziergang in den Park. Es gab für mich ständig
Neues zu sehen. Bei einem dieser
Ausflüge gingen wir in einen nahegelegenen Steh-Imbiss.
Meine Frau wollte mir dann, wie sie es gewohnt
war, die Karte über der Abzughaube vorlesen,
worauf ich ihr sagte: Lass mal, ich kann
schon lesen.
Als ich dann 3 Wochen nach der letzten Operation
im Krankenwagen liegend zu Hause ankam, waren
einige Nachbarn schneller am Wagen als ich draußen.
Ich konnte allen bei der Begrüßung in die Augen
sehen.
Es sind viele Kleinigkeiten, die sich
zum Positiven für mich verändert haben und
einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität
darstellen. Diese Veränderungen kann man nicht
alle aufzählen, aber vielleicht noch einen Satz
dazu. Als ich kurze Zeit nach der Operation in
die Raucherecke ging und mich die Mitpatienten
fragten: Wie geht es Dir denn jetzt?,
sagte eine andere Patientin: Guckt Euch
doch diese strahlenden Augen an, dann weiß man
wie es ihm geht. Die Frau hat recht. Bisher
habe ich die Entscheidung zu dieser Operation
nicht bereut, und ich würde es wieder so machen.
In dieser Zeit war meine Mutter zumindest in der
Woche bei uns, da meine Frau berufstätig ist und
ich bei vielen Sachen auf Hilfe angewiesen war. Während
des ersten halben Jahres darf man nur 2 kg
heben, danach 5 kg, bis auch das langsam
gesteigert werden darf.
Als ich unsere Küche zum erstenmal wieder betrat,
hatte ich den Eindruck, dass die Höhe der
Arbeitsplatte um einiges niedriger war als zuvor.
Ich habe nachgemessen, sie war es nicht.
Zu meiner großen Freude hatten die gesamten
Nachbarn mir einen Stehtisch geschenkt. Dieser
wurde den Sommer über regelmäßig genutzt zum
Klönen und Tratschen.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich den First
unseres Hauses von der anderen Straßenseite
sehen konnte. Dieses war mir vorher nicht möglich
gewesen.
Sechs Monate nach der Aufrichtung wurde ich
wieder stationär in der Klinik aufgenommen. Hier
wurden Kontrolluntersuchungen gemacht und an Hand
der Röntgenaufnahmen der Sitz der 20 Schrauben
und 2 Stangen überprüft. Alles war in Ordnung,
so dass ein Gipsabdruck für die Anfertigung
eines Kunststoffkorsettes gemacht werden konnte.
Dieses Korsett wog nur noch ca. 2 kg. Sowohl das
Gipskorsett, mit dem man ja ein halbes Jahr leben
muss, es ist nicht abnehmbar, als auch das
Kunststoffkorsett sollte man mindestens 1
Woche in der Klinik tragen und gegebenenfalls bei
Druck- oder Scheuerstellen immer wieder ändern
lassen. Der Aufwand bei späteren Änderungen ist
erheblich. Man muss wieder liegend zur Klinik
transportiert werden. Die Änderung dauert nicht
sehr lange, aber ob dadurch eine Besserung
erreicht wird kann meist erst Tage später, also
zu Hause, festgestellt werden.
Ein weiteres halbes Jahr nach der Aufrichtung
wurde ich zur ambulanten Kontrolle bestellt. Nach
den Untersuchungen und der Röntgenkontrolle, es
war alles gut verheilt, wurden mir die
Verhaltensregeln für die nächste Zeit
mitgeteilt. Danach darf ich jetzt das Korsett
nach eigenem Ermessen in einer Zeit von ca. 8
Wochen abtrainieren. Auch wenn dieser Kunststoff-Panzer
nicht besonders angenehm ist, ist es doch ein
sehr unsicheres Gefühl ihn nicht zu tragen. Die
Bewegungen ohne ihn sind vielleicht mit dem Gang
auf rohen Eiern zu vergleichen. |
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